0002 – Besenstrich für Besenstrich

Liebes Tagebuch,

Manchmal fühle ich mich, als wäre mein Leben ein riesiger Berg von Aufgaben, die ich niemals bewältigen kann. Da wache ich morgens auf und als erste denke ich: „du musst heute um zwölf arbeiten, danach Fahrschule, irgendwann solltest du auch mal einkaufen gehen. Yoga hast du schon lange nicht mehr gemacht, ach und beim Arzt angerufen hast du auch noch nicht! Wann wurde dein Bad eigentlich das letzte Mal geputzt? Und wolltest du nicht Kiara endlich zurück schreiben? Deine Mama hat bald Geburtstag, da solltest du mal nach nem Geschenk gucken, ach und ein Passbild machen!“. So geht das dann noch eine ganze Weile weiter, bis ich irgendwann denke: „fuck, das schaffe ich niemals alles!“. Kennst du das? Du siehst diesen riesigen Berg und kannst dir nicht vorstellen ihn zu überwinden? Confucius sagte einmal: „The man who moves a mountain begins by carrying away small stones“. Dazu fällt mir immer eine Stelle aus Momo ein, die das ganze perfekt auf den Punkt bringt:

Beppo fuhr jeden Morgen lange vor Tagesanbruch mit seinem alten, quietschenden Fahrrad in die Stadt zu einem großen Gebäude. Dort wartete er in einem Hof zusammen mit seinen Kollegen, bis man ihm einen Besen und einen Karren gab und ihm eine bestimmte Straße zuwies, die er kehren sollte.

Beppo liebte diese Stunden vor Tagesanbruch, wenn die Stadt noch schlief. Und er tat seine Arbeit gern und gründlich. Er wußte, es war eine sehr notwendige Arbeit.

Wenn er so die Straßen kehrte, tat er es langsam, aber stetig: Bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich. Dazwischen blieb er manchmal ein Weilchen stehen und blickte nachdenklich vor sich hin. Und dann ging es wieder weiter: Schritt – Atemzug -Besenstrich.

Während er sich so dahinbewegte, vor sich die schmutzige Straße und hinter sich die saubere, kamen ihm oft große Gedanken. Aber es waren Gedanken ohne Worte, Gedanken, die sich so schwer mitteilen ließen wie ein bestimmter Duft, an den man sich nur gerade eben noch erinnert, oder wie eine Farbe, von der man geträumt hat. Nach der Arbeit, wenn er bei Momo saß, erklärte er ihr seine großen Gedanken. Und da sie auf ihre besondere Art zuhörte, löste sich seine Zunge, und er fand die richtigen Worte. „Siehst du, Momo“, sagte er dann zum Beispiel, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, daß es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluß ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muß nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“ Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: „Auf einmal merkt man, daß man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“ Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

Ich finde es sehr beruhigend, mir das immer mal wieder vor Augen zu rufen. Wir schaffen meist viel mehr, als wir uns zutrauen, solange wir uns nicht von unserer Überforderung lähmen lassen. Wenn ich einen riesigen Berg (oder eine endlose Straße) vor mir habe, dann versuche ich diesen in kleine Steine zu unterteilen. Die wichtigsten Aufgaben sind die obersten Steine. Sie werden zuerst abgearbeitet. Alles was noch Zeit hat, oder nicht unbedingt erledigt werden muss liegt weiter unten im Berg. Daran mache ich mich erst, wenn die oberste Steine abgetragen wurden. Natürlich kennst jeder dieses Prinzip. Jeder, der schon mal eine ToDo-Liste verfasst hat, weiß von dieser Methode. Doch sich den Berg zu veranschaulichen und jedem Stein eine Aufgabe zuzuweisen hilft auch in den Momenten, in denen man sich komplett überfordert fühlt beim Anblick des Aufgabenbergs. 

Für heute habe ich meinen Berg abgearbeitet. Ich habe nicht alles erledigt, was mir heute morgen im Kopf rumgegeistert ist (der Arzt rennt nicht weg und mein Badezimmer überlebt auch noch einen Tag ohne Grundreinigung), aber die obersten Steine sind abgetragen und ich kann den Berg schon überblicken und auf die Ebene dahinter sehen. Mit dieser Aussicht öffne ich mir jetzt ein Bier und lege die Füße hoch, morgen muss ich schließlich weiter Steine schleppen.

Einen wunderschönen Abend, 

Deine Komplexia 🙂

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